Sky lebte in einem kleinen, gemütlichen Haus in der Nähe eines großen Berges, den die Menschen Kali nannten. Der mächtige Berg ragte weit über die grünen Wiesen hinaus. An manchen Morgen lag feiner Nebel um seinen Gipfel, und wenn die Sonne aufging, leuchteten seine Hänge golden.
Rund um Skys Haus wuchsen Wildblumen, Lavendel und hohe Gräser. Vögel sangen in den Bäumen, Bienen summten von Blüte zu Blüte und ein kleiner Bach schlängelte sich durch die Wiesen.
Sky liebte die Natur.
Sie liebte den großen Berg Kali und die Wälder, die ihn umgaben. Sie liebte es, barfuß über das Gras zu laufen und dem Wind zuzuhören.
Doch einen Ort liebte Sky ganz besonders.
Das Meer.
Es lag zwar ein Stück von ihrem Zuhause entfernt, doch wann immer Sky dort war, konnte sie stundenlang den Wellen zuhören.
Raaaaausch.
Eine Welle kam.
Schhhhhhh.
Eine Welle ging.
Für Sky klang das Meer wie ein Lied, das niemals endete.
Auch deshalb hatte Sky gelernt, ganz bewusst zuzuhören und ruhig zu atmen. Dieses Wissen gab sie an andere weiter, denn Sky war Yogalehrerin.
An diesem Morgen stand sie auf einer Wiese unweit des Berges Kali. Vor ihr hatten einige Kinder ihre Yogamatten ausgerollt.
Ganz vorne stand Alexandra, die von allen nur Alex genannt wurde.
„Machen wir heute wieder den Baum?“, fragte Alex neugierig.
„Natürlich“, antwortete Sky. „Aber zuerst hören wir der Natur zu.“
Alex schaute sich um.
„Was sollen wir denn hören?“, fragte Alex.
„Schließ deine Augen“, antwortete Sky. „Dann wirst du es herausfinden.“
Alex schloss die Augen.
Auch die anderen Kinder wurden still.
„Ich höre einen Vogel“, sagte Alex.
„Sehr gut“, antwortete Sky.
Alex lauschte weiter.
„Und den Wind in den Bäumen“, sagte Alex.
Sky lächelte.
„Manchmal erzählt uns die Natur sehr viel“, erklärte Sky. „Wir müssen nur still genug werden, um es zu bemerken.“
Plötzlich ertönte über ihnen ein lautes Krächzen.
„Kraaah! Dann müsste ich ja besonders viel zu erzählen haben!“, rief eine Stimme.
Alex öffnete die Augen.
Ein großer schwarzer Rabe flog über die Wiese und landete auf einem Stein.
Doch er war kein gewöhnlicher Rabe.
Sein Gefieder war tiefschwarz. Wenn Sonnenlicht auf seine Federn fiel, schimmerten einige davon golden und orange.
Es war Kodah, der Sonnenrabe.
„Kodah!“, rief Alex begeistert.
Kodah richtete sich stolz auf.
„Guten Morgen“, sagte Kodah.
„Du kommst genau richtig“, sagte Sky. „Wir machen den Baum.“
Kodah machte einen Schritt zurück.
„Was für ein Zufall. Ich wollte gerade losfliegen“, antwortete Kodah.
Alex begann zu lachen.
„Du kannst den Baum bestimmt nicht“, behauptete Alex.
Kodah plusterte seine Federn auf.
„Natürlich kann ich das“, antwortete Kodah.
„Dann zeig es uns“, sagte Sky.
Kodah stellte sich auf ein Bein und breitete seine Flügel aus.
„Seht ihr? Ganz einfach“, erklärte Kodah.
Eine Sekunde verging.
Dann begann er zu wackeln.
„Alles unter Kontrolle“, sagte Kodah.
Plumps!
Kodah fiel ins Gras.
Die Kinder lachten.
Kodah sprang schnell wieder auf.
„Das war Absicht“, erklärte Kodah.
„Natürlich“, sagte Sky schmunzelnd.
„Warum solltest du absichtlich umfallen?“, fragte Alex.
Kodah klopfte einen Grashalm aus seinem Gefieder.
„Ich wollte prüfen, ob die Wiese weich genug für eure Yogastunde ist“, erklärte Kodah.
„Und?“, fragte Alex.
„Ausgezeichnete Wiese“, antwortete Kodah ernst.
Alle lachten wieder.
Nach der Yogastunde verabschiedeten sich die Kinder.
Alex blieb noch kurz bei Kodah stehen.
„Fliegst du heute wieder weg?“, fragte Alex.
„Natürlich“, antwortete Kodah. „Die Welt wartet auf mich.“
„Bringst du eine Geschichte mit?“, fragte Alex.
„Mindestens eine“, versprach Kodah.
Alex winkte Sky und Kodah zu und lief davon.
Sky setzte sich ins Gras und schaute hinauf zum Berg Kali.
Kodah hüpfte neben sie.
„Heute möchte ich weiter fliegen als jemals zuvor“, erklärte Kodah.
Sky sah ihn an.
„Wie weit möchtest du denn fliegen?“, fragte Sky.
Kodah deutete mit seinem Flügel zum Horizont.
„Bis dahinter“, antwortete Kodah.
Sky lächelte.
„Hinter dem Horizont kommt ein neuer Horizont“, erklärte Sky.
Kodah dachte kurz nach.
„Dann fliege ich auch dahinter“, antwortete Kodah.
Sky lachte.
„Du bist wirklich nicht aufzuhalten“, sagte Sky.
Kodah breitete seine Flügel aus.
„Die Welt ist riesig. Irgendjemand muss sie schließlich erkunden“, erklärte Kodah.
„Dann pass gut auf dich auf“, sagte Sky.
„Das mache ich“, versprach Kodah.
„Und komm heute Abend wieder“, sagte Sky.
Kodah legte einen Flügel auf seine Brust.
„Sonnenrabenehrenwort“, versprach Kodah.
Dann flog er los.
Kodah flog über den Berg Kali.
Er flog über Wälder, Flüsse und Felder.
Stunden später veränderte sich die Landschaft unter ihm.
Die grünen Wiesen verschwanden.
Unter Kodah lag plötzlich eine riesige Wüste.
„Wow!“, sagte Kodah staunend.
Goldene Sanddünen reichten bis zum Horizont.
Doch es war heiß.
Sehr heiß.
Nach einiger Zeit bekam Kodah Durst.
„Vielleicht hätte ich etwas Wasser mitnehmen solllen“, murmelte Kodah.
Da entdeckte er zwischen den Dünen einige Palmen.
Kodah flog darauf zu.
Zwischen ihnen lag ein kleiner See.
„Wasser!“, rief Kodah erleichtert.
Am Ufer saß eine alte Frau.
„Du kommst von weit her“, sagte die alte Frau.
Kodah richtete sich stolz auf.
„Ich bin Kodah, der Sonnenrabe“, stellte Kodah sich vor.
Die alte Frau stellte eine Schale mit Wasser vor ihn.
„Dann trink erst einmal, Sonnenrabe“, sagte die alte Frau.
„Vielen Dank“, antwortete Kodah.
Nachdem Kodah getrunken hatte, schaute die alte Frau hinaus auf die Wüste.
„Weißt du, was ein Reisender niemals vergessen sollte?“, fragte die alte Frau.
„Seinen Proviant?“, fragte Kodah.
Die alte Frau lachte.
„Auch den“, antwortete die alte Frau. „Aber etwas anderes ist noch wichtiger.“
„Was denn?“, fragte Kodah.
Die alte Frau zeigte auf die Wüste.
„Wer immer nur auf die Wüste schaut, übersieht irgendwann die Oase“, erklärte die alte Frau.
Kodah sah sich um.
Er betrachtete das Wasser.
Die Palmen.
Die kleinen Blumen.
„Ich glaube, ich verstehe“, sagte Kodah.
Die alte Frau lächelte.
„Wirklich?“, fragte die alte Frau.
Kodah dachte nach.
„Nein“, gab Kodah zu.
Die alte Frau lachte.
„Dann nimm den Gedanken mit nach Hause“, sagte die alte Frau.
Kodah verabschiedete sich und flog weiter.
Nach langer Zeit erreichte er einen riesigen Wald.
Dort waren die Bäume so hoch, dass Kodah ihre Spitzen kaum erkennen konnte.
Am Ufer eines Flusses entdeckte er einen Jungen.
Kodah landete neben ihm.
„Hallo“, sagte Kodah.
„Hallo, Rabe“, antwortete der Junge.
Kodah plusterte sich auf.
„Sonnenrabe“, verbesserte Kodah ihn.
Der Junge grinste.
„Entschuldigung, Sonnenrabe“, sagte der Junge.
Kodah betrachtete ihn neugierig.
„Warum sitzt du hier einfach herum?“, fragte Kodah.
„Ich höre dem Wald zu“, antwortete der Junge.
Kodah schaute sich um.
„Der Wald kann doch gar nicht sprechen“, sagte Kodah.
„Doch“, antwortete der Junge. „Du musst nur zuhören.“
Kodah setzte sich neben ihn.
„Und wie?“, fragte Kodah.
„Sei still“, antwortete der Junge.
Kodah schwieg.
Nach wenigen Sekunden wurde er unruhig.
„Und jetzt?“, fragte Kodah.
„Noch stiller“, antwortete der Junge lachend.
Kodah versuchte es erneut.
Diesmal lauschte er wirklich.
Er hörte die Blätter im Wind.
Er hörte den Fluss.
Er hörte Vögel und Insekten.
Plötzlich klangen all diese Geräusche wie ein großes Lied.
„Ich höre es“, flüsterte Kodah.
„Die Natur spricht überall“, erklärte der Junge. „Man muss nur lernen zuzuhören.“
Kodah musste sofort an Sky denken.
„Das sagt Sky auch immer“, sagte Kodah.
Langsam wurde es Abend.
Kodah machte sich auf den Heimweg.
Doch plötzlich wurde der Wind stärker.
Eine kräftige Böe erfasste ihn.
„Kraaah!“, rief Kodah erschrocken.
Er versuchte gegen den Wind anzufliegen.
Doch die Böen wurden immer stärker.
Kodah verlor die Orientierung.
Unter ihm lagen nur noch Wälder und Felder.
Der Himmel wurde dunkel.
„Wo ist Kali?“, fragte Kodah besorgt.
Normalerweise konnte er den großen Berg schon aus weiter Entfernung erkennen.
Doch Wolken verdeckten den Horizont.
Kodah bekam Angst.
Seine Flügel wurden müde.
Da erinnerte er sich an die Worte des Jungen.
Die Natur spricht überall. Man muss nur lernen zuzuhören.
Kodah hörte auf, gegen jede Windböe anzukämpfen.
Er ließ sich einen Moment tragen.
Dann lauschte er.
Er beobachtete den Wind.
Er sah zu den Wolken.
Er schaute auf die Landschaft unter sich.
Und plötzlich entdeckte er zwischen den Wolken eine dunkle Spitze.
Kodah machte große Augen.
„Kali!“, rief Kodah.
Der große Berg zeigte ihm den Weg.
Kodah flog darauf zu.
Sky saß inzwischen vor ihrem Haus und blickte hinauf zum Berg Kali.
„Wo bleibst du nur, Kodah?“, fragte Sky besorgt.
Da hörte sie ein vertrautes Geräusch.
„Kraaah!“, rief Kodah.
Sky sprang auf.
„Kodah!“, rief Sky erleichtert.
Der Sonnenrabe landete erschöpft neben ihr.
„Ich habe mich verirrt“, sagte Kodah.
Sky setzte sich zu ihm.
„Hattest du Angst?“, fragte Sky.
Kodah nickte.
„Sehr“, antwortete Kodah.
„Das ist in Ordnung“, sagte Sky.
Kodah sah sie überrascht an.
„Aber ich bin doch mutig“, sagte Kodah.
Sky lächelte.
„Mut bedeutet nicht, dass du niemals Angst hast“, erklärte Sky.
„Was bedeutet Mut dann?“, fragte Kodah.
„Dass du trotz deiner Angst versuchst, einen guten Weg zu finden“, antwortete Sky.
Kodah dachte darüber nach.
„Dann war ich heute doch mutig“, sagte Kodah.
„Das warst du“, antwortete Sky.
Kodah schaute hinauf zum großen Berg.
„Kali hat mir den Weg nach Hause gezeigt“, erklärte Kodah.
„Aber du musstest zuerst ruhig genug werden, um ihn zu sehen“, sagte Sky.
Kodah nickte.
Dann richtete er sich plötzlich auf.
„Und ich habe Geschichten mitgebracht!“, rief Kodah.
Sky lachte.
„Dann erzähl“, sagte Sky.
Kodah erzählte von der Wüste.
Von der Oase.
Von der alten Frau.
Vom Wald.
Und von dem Jungen am Fluss.
Als Kodah fertig war, blickte er nachdenklich zu Sky.
„Jetzt verstehe ich auch den Satz der alten Frau“, sagte Kodah.
„Was bedeutet er?“, fragte Sky.
„Dass man nicht nur auf das schauen soll, was schwierig ist“, antwortete Kodah. „Sonst übersieht man vielleicht etwas Schönes oder etwas, das einem helfen kann.“
Sky lächelte.
„Ganz genau“, sagte Sky.
Am nächsten Morgen saßen Sky und Kodah gemeinsam auf der Wiese.
Die Sonne ging hinter dem Berg Kali auf und tauchte den Himmel in goldenes Licht.
„Heute keine Weltreise?“, fragte Sky.
Kodah schüttelte den Kopf.
„Die Welt läuft nicht weg“, antwortete Kodah.
Sky sah ihn überrascht an.
„Das klingt erstaunlich vernünftig“, sagte Sky.
Kodah plusterte stolz seine Federn auf.
„Ich kann sehr vernünftig sein“, erklärte Kodah.
„Seit wann?“, fragte Sky.
Kodah dachte nach.
„Seit gestern Abend“, antwortete Kodah.
Sky lachte.
Kodah schaute zum Berg Kali.
„Morgen fliege ich aber wieder los“, sagte Kodah.
„Das habe ich mir gedacht“, antwortete Sky.
„Vielleicht finde ich eine geheimnisvolle Insel“, sagte Kodah.
„Vielleicht“, antwortete Sky.
„Oder einen riesigen Wasserfall“, überlegte Kodah.
„Vielleicht“, sagte Sky.
„Oder Drachen!“, rief Kodah.
Sky lachte.
„Dann grüß sie von mir“, sagte Sky.
Kodah sah sie an.
„Und am Abend komme ich wieder zurück“, versprach Kodah.
„Das weiß ich“, antwortete Sky.
„Dann erzähle ich dir alles“, sagte Kodah.
Sky lächelte.
„Darauf freue ich mich“, antwortete Sky.
Kodah schaute zum großen Berg Kali.
Er hatte verstanden, dass die Welt voller Abenteuer war.
Doch er hatte auch verstanden, wie schön es war, einen Ort zu haben, an den man zurückkehren konnte.
Für Kodah war dieser Ort bei Sky.
In der Nähe des großen Berges Kali.
Und jeden Abend, wenn Kodah von seinen Reisen zurückkehrte, setzte sich Sky zu ihm.
Dann fragte Sky:
„Also, Kodah, wo warst du heute?“
Kodahs Augen begannen jedes Mal zu funkeln.
„Sky, du wirst niemals glauben, was ich erlebt habe!“, antwortete Kodah.
„Dann erzähl mir deine Geschichte“, sagte Sky.
Und Kodah erzählte.
Von fernen Ländern.
Von fremden Tieren.
Von hohen Bergen und tiefen Wäldern.
Sky hörte ihm zu.
Und manchmal, wenn Kodah besonders lange erzählte, wurde es draußen dunkel und über dem großen Berg Kali erschienen die Sterne.
Dann saßen die beiden noch immer zusammen.
Sky und ihr Sonnenrabe.
Eine Frau, die ihren Platz in der Natur gefunden hatte.
Und ein Rabe, der hinaus in die Welt flog, um ihre Geschichten nach Hause zu bringen.
Denn manchmal muss man weit reisen, um etwas Neues zu entdecken.
Und manchmal genügt es, still zu werden und genau hinzuhören.
Die Welt erzählt überall Geschichten.
Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören.

