Alexandra und der kleine Donnerdrache

Alexandra lebte in einem kleinen, gemütlichen Haus am Rand des Flüsterwaldes. Vor ihrem Fenster wuchs ein alter Apfelbaum, dessen Äste im Frühling voller weißer Blüten waren. Hinter dem Garten begann eine große Wiese. Dort tanzten Schmetterlinge über den Blumen, Käfer krabbelten durch das Gras und am Waldrand plätscherte ein schmaler Bach über runde Steine.
Alexandra liebte diesen Ort. Fast jeden Tag zog sie ihre gelben Gummistiefel an und ging hinaus. Sie sammelte Federn, beobachtete Frösche und baute kleine Häuser aus Moos, Zweigen und Blättern. Sie war sich ganz sicher, dass im Flüsterwald Fabelwesen lebten. Manchmal glaubte sie, zwischen den Bäumen ein Einhorn zu sehen. Ein anderes Mal meinte sie, das Lachen einer Elfe zu hören.
Doch es gab etwas, das Alexandra gar nicht mochte.
Gewitter.
Wenn sich dunkle Wolken am Himmel sammelten, wurde ihr Bauch ganz fest. Sobald der Wind stärker wurde und die Blätter des Apfelbaumes rauschten, lief sie schnell ins Haus. Am schlimmsten war für sie der Donner. Er war so laut, dass Alexandra glaubte, der Himmel würde in zwei Teile brechen.
An einem warmen Nachmittag saß Alexandra auf dem Teppich in ihrem Zimmer. Sie malte einen türkisfarbenen Drachen mit silbernen Flügeln. Draußen war es plötzlich still geworden. Kein Vogel sang mehr. Die Luft fühlte sich schwer und warm an.
Alexandra blickte zum Fenster.
Über dem Flüsterwald türmten sich dunkle Wolken auf.
„Oh nein“, flüsterte sie. „Bitte kein Gewitter.“
Ein heller Blitz zuckte über den Himmel.
ZACK!
Alexandra hielt den Atem an.
Wenige Augenblicke später rollte ein mächtiges Grollen über das Haus.
RUMMMMMS!
Alexandra sprang auf und zog die Decke über den Kopf.
„Geh weg, Donner!“, rief sie. „Ich will dich nicht hören!“
Da klopfte etwas gegen die Fensterscheibe.
Klopf, klopf, klopf.
Alexandra blieb unter ihrer Decke.
Wieder klopfte es.
Klopf, klopf, klopf.
„Wer ist da?“, fragte sie vorsichtig.
„Jemand, der draußen ziemlich nass wird“, antwortete eine helle Stimme.
Alexandra schob die Decke zur Seite und sah zum Fenster. Auf der Fensterbank saß ein kleiner, blauer Drache. Er war ungefähr so groß wie eine Katze. Seine Schuppen glänzten wie Regentropfen, und auf seinem Rücken wuchsen zwei silberne Flügel. Aus seinen Nasenlöchern stiegen winzige Wölkchen.
Alexandra staunte.
Sie öffnete das Fenster einen Spalt.
„Bist du echt?“
„Natürlich bin ich echt“, sagte der Drache. „Mein Name ist Donnerling.“
„Donnerling?“ Alexandra wich einen Schritt zurück. „Machst du etwa den Donner?“
Der kleine Drache ließ die Flügel hängen.
„Manchmal. Aber ich mache ihn nicht, um jemanden zu erschrecken.“
Draußen blitzte es erneut.
ZACK!
Alexandra zuckte zusammen.
Donnerling sah sie freundlich an. „Du hast wirklich große Angst, stimmt’s?“
Alexandra nickte.
„Dann musst du mit in den Wolkenwald kommen“, sagte Donnerling. „Dort kannst du sehen, was bei einem Gewitter wirklich geschieht.“
„In den Wolkenwald?“
„Ja. Er liegt direkt über dem Flüsterwald. Menschen können ihn normalerweise nicht sehen.“
„Und wie soll ich dorthin kommen?“
Donnerling zog eine silberne Feder aus seinem Flügel. „Halte sie fest und schließe die Augen.“
Alexandra zögerte. Ein weiterer Donner grollte durch die Luft. Doch diesmal blieb Donnerling ruhig auf der Fensterbank sitzen. Er wirkte überhaupt nicht gefährlich.
Alexandra nahm die Feder.
„Gut“, sagte sie. „Aber nur für einen kurzen Besuch.“
„Versprochen.“
Kaum hatte Alexandra die Augen geschlossen, fühlte sie sich federleicht. Der Boden verschwand unter ihren Füßen. Als sie die Augen wieder öffnete, schwebte sie neben Donnerling durch die Luft.
Sie flogen über den Apfelbaum, über die Wiese und immer höher in die Wolken. Der Regen berührte Alexandra nicht. Um sie herum schimmerte eine durchsichtige Blase wie ein runder Regenschirm.
„Das ist eine Tropfenkugel“, erklärte Donnerling. „Sie hält dich trocken.“
Bald tauchte vor ihnen ein gewaltiger Torbogen aus weißen Wolken auf. Zwei geflügelte Löwen bewachten den Eingang. Ihre Mähnen bestanden aus Nebel, und ihre Augen leuchteten golden.
„Willkommen im Wolkenwald“, sagte einer der Löwen.
Hinter dem Tor lag eine wundersame Welt. Weiche Wolkenwege führten zwischen hohen, silbernen Bäumen hindurch. Auf den Ästen hingen funkelnde Regentropfen wie gläserne Früchte. Kleine Wolkenwichtel schoben graue Wolkenkugeln über den Boden. Regenelfen füllten goldene Kannen mit Wasser. Hoch über ihnen sausten Blitzfeen durch die Luft und hinterließen helle Lichtspuren.
Alexandra blieb staunend stehen.
„Das ist wunderschön.“
„Komm“, sagte Donnerling. „Ich stelle dir meine Freunde vor.“
Eine Regenelfe mit grünen Flügeln kam auf sie zu. Ihr Kleid glänzte blau wie ein See.
„Ich bin Tropfine“, sagte sie. „Wir Regenelfen verteilen das Wasser über Felder, Wälder und Gärten.“
„Dann macht ihr den Regen?“ fragte Alexandra.
„Wir helfen ihm nur, den richtigen Weg zu finden“, antwortete Tropfine. „Ohne Regen würden Blumen, Bäume und Tiere bald kein Wasser mehr haben.“
Ein rundlicher Wolkenwichtel rollte eine dunkle Wolke heran. Er trug eine rote Mütze, die ihm ständig über die Augen rutschte.
„Und ich bin Wuschel“, sagte er. „Wir Wolkenwichtel sammeln winzige Wassertropfen. Wenn eine Wolke voll genug ist, beginnt es zu regnen.“
„Aber warum müssen die Wolken manchmal so dunkel sein?“ fragte Alexandra.
Wuschel klopfte auf die graue Wolkenkugel. „Je mehr Wasser darin steckt, desto weniger Licht kann hindurchscheinen. Deshalb sieht eine volle Regenwolke dunkel aus. Sie ist nicht böse. Sie trägt nur sehr viel Wasser.“
Alexandra berührte vorsichtig die Wolke. Sie fühlte sich kühl und weich an.
Plötzlich flog eine Blitzfee herbei. Ihre Haare leuchteten weiß, und an ihren Füßen trug sie goldene Stiefel.
„Ich heiße Funkela“, sagte sie. „Willst du einen kleinen Blitz sehen?“
Alexandra machte große Augen. „Ist das gefährlich?“
„Wir schauen ihn uns aus sicherer Entfernung an“, beruhigte Funkela sie.
Die Blitzfee führte Alexandra und Donnerling zu einer großen Aussichtsplattform. Weit unter ihnen lagen der Flüsterwald, die Wiesen und das kleine Haus von Alexandra.
Funkela deutete auf zwei Wolken, die sich gegeneinander bewegten.
„In einer Gewitterwolke wirbeln Regentropfen, Eiskörnchen und Luft wild durcheinander“, erklärte sie. „Dabei entsteht elektrische Spannung. Wenn die Spannung zu groß wird, springt ein heller Funke durch die Luft.“
„Ein Blitz“, sagte Alexandra.
„Genau.“
Plötzlich leuchtete es zwischen den Wolken auf.
ZACK!
Alexandra zuckte zusammen, blieb aber stehen.
„Und jetzt kommt der Donner“, sagte Donnerling.
RUMMMMMS!
Alexandra hielt sich die Ohren zu.
Donnerling setzte sich neben sie. „Der Blitz erhitzt die Luft in einem Augenblick sehr stark. Die heiße Luft dehnt sich schnell aus. Dadurch entsteht eine Druckwelle. Diese Welle hören wir als Donner.“
Alexandra blickte zum Himmel. „Also ist der Donner nur ein Geräusch?“
„Ein sehr lautes Geräusch“, sagte Donnerling. „Aber er verfolgt niemanden und will niemanden erschrecken.“
„Warum sehe ich den Blitz zuerst?“
Funkela lächelte. „Weil Licht viel schneller ist als Schall. Deshalb siehst du den Blitz sofort, während der Donner etwas länger bis zu dir braucht.“
Alexandra dachte nach.
„Wenn zwischen Blitz und Donner viel Zeit liegt, ist das Gewitter also weiter weg?“
„Richtig“, sagte Funkela. „Trotzdem solltest du bei einem Gewitter immer an einem sicheren Ort bleiben.“
„Am besten in einem festen Haus oder in einem Auto“, fügte Tropfine hinzu, die gerade zu ihnen geflogen war. „Auf einer freien Wiese, im Wasser oder unter einem einzelnen Baum sollte man nicht bleiben.“
Alexandra nickte ernst. „Angst muss ich also nicht haben. Aber vorsichtig sein muss ich schon.“
„Genau das ist der Unterschied zwischen Angst und Vorsicht“, sagte Donnerling.
In diesem Moment ertönte ein lauter Gong.
DONG! DONG! DONG!
Alle Fabelwesen blieben stehen.
„Was bedeutet das?“ fragte Alexandra.
Wuschel kam aufgeregt angerannt. „Eine Sturmwolke hat sich verirrt! Sie zieht direkt auf das Tal der Glühwürmchen zu.“
„Dort leben doch die kleinen Lichtkäfer“, sagte Tropfine erschrocken. „Ihre Nester liegen in alten, hohlen Bäumen!“
Donnerling breitete die Flügel aus. „Wir müssen die Wolke umlenken.“
Er sah Alexandra an. „Du bleibst hier auf der Plattform. Dort bist du sicher.“
Doch Alexandra blickte auf die dunkle Wolke. Sie drehte sich wild und schob sich zwischen die silbernen Bäume. In ihrem Inneren blitzte es immer wieder.
„Kann ich helfen?“ fragte sie.
Donnerling zögerte.
„Bitte“, sagte Alexandra. „Ich weiß jetzt, dass Donner nicht böse ist. Und die Glühwürmchen brauchen Hilfe.“
Tropfine reichte ihr eine kleine Glocke. „Diese Windglocke kann die Windkobolde rufen. Aber du musst ganz nah an den Rand der Wolkenlichtung gehen.“
„Ich schaffe das“, sagte Alexandra.
Gemeinsam liefen sie über den Wolkenweg. Das Gewitter grollte über ihnen. Alexandra spürte, wie ihre Knie zitterten. Doch sie dachte an Donnerlings Erklärung: Der Donner war nur eine Druckwelle. Er konnte sie auf dem sicheren Wolkenweg nicht erreichen.
Als sie die Lichtung erreichten, war die Sturmwolke bereits riesig geworden. Blitze zuckten in ihrem Inneren.
„Jetzt!“ rief Donnerling.
Alexandra hob die Windglocke und schüttelte sie kräftig.
Klingeling! Klingeling!
Aus allen Richtungen kamen kleine Windkobolde herbeigeflogen. Sie trugen lange, grüne Mäntel und hatten Haare, die wie Grashalme in der Luft flatterten.
„Pustet die Wolke nach Norden!“ rief Wuschel.
Die Windkobolde holten tief Luft.
PFFFFFFFFF!
Die Sturmwolke bewegte sich ein kleines Stück.
„Noch einmal!“ rief Alexandra.
PFFFFFFFFF!
Doch die Wolke blieb an einem silbernen Baum hängen.
Donnerling flog hinauf. „Ich löse sie!“
Ein Blitz leuchtete direkt neben ihm auf.
ZACK!
Alexandra erschrak. Ihr Herz schlug schnell. Für einen Moment wollte sie weglaufen. Dann sah sie, wie Donnerling tapfer an einem Wolkenzipfel zog.
„Du schaffst das, Donnerling!“ rief sie.
Der kleine Drache zog kräftiger. Die Sturmwolke löste sich vom Baum. Sofort pusteten die Windkobolde erneut.
Langsam glitt die Wolke nach Norden, weit weg vom Tal der Glühwürmchen.
Die Regenelfen jubelten. Die Wolkenwichtel warfen ihre Mützen in die Luft. Funkela malte mit einem kleinen Blitz einen leuchtenden Stern an den Himmel.
Donnerling landete neben Alexandra.
„Ohne dich hätten die Windkobolde uns nicht rechtzeitig gehört“, sagte er.
Alexandra lächelte. „Ich hatte noch ein bisschen Angst.“
„Mut bedeutet nicht, dass man überhaupt keine Angst hat“, erklärte Tropfine. „Mut bedeutet, dass man trotz der Angst das Richtige tut.“
Kurz darauf kam ein großer, dunkelblauer Donnerdrache auf die Lichtung. Seine Flügel waren so breit wie Segel, und zwischen seinen Hörnern glitzerte eine goldene Krone.
„Das ist Donarion, der Wächter des Wolkenwaldes“, flüsterte Donnerling.
Donarion senkte freundlich den Kopf.
„Alexandra, du hast heute viel gelernt und große Tapferkeit gezeigt.“
Er reichte ihr eine kleine Kugel, in der ein winziger Regenbogen schimmerte.
„Das ist ein Mutlicht. Wenn du wieder ein Gewitter hörst, halte es in der Hand. Es soll dich daran erinnern, dass Wissen die Angst kleiner machen kann.“
Alexandra nahm das Mutlicht vorsichtig entgegen.
Am Horizont öffneten sich die Wolken. Warmes Sonnenlicht strömte in den Wolkenwald. Die silbernen Bäume glitzerten, und Tausende Tropfen funkelten in ihren Ästen.
„Nun ist es Zeit, nach Hause zurückzukehren“, sagte Donnerling.
Alexandra war ein wenig traurig. „Sehe ich euch wieder?“
„Bei jedem Gewitter kannst du an uns denken“, sagte Funkela.
„Und nach jedem Regen kannst du nach unserem Regenbogen Ausschau halten“, fügte Tropfine hinzu.
Donnerling nahm Alexandra bei der Hand. Gemeinsam flogen sie durch das Wolkentor zurück zum Flüsterwald. Wenig später stand Alexandra wieder in ihrem Zimmer. Der Regen trommelte noch immer gegen die Scheibe, doch das Gewitter zog bereits weiter.
Ein letzter Blitz erhellte den Himmel.
ZACK!
Alexandra wartete.
RUMMMMMS!
Sie erschrak noch ein kleines bisschen. Dann nahm sie das Mutlicht und erinnerte sich an Funkela, Wuschel, Tropfine und Donnerling.
„Der Blitz ist Licht“, sagte sie leise. „Der Donner ist Schall. Und hier drinnen bin ich sicher.“
Sie setzte sich ans Fenster und beobachtete, wie die Regentropfen über das Glas liefen. Bald wurde das Grollen leiser. Zwischen den Wolken erschien ein heller Streifen, und schließlich spannte sich ein großer Regenbogen über den Flüsterwald.
Alexandra lächelte.
Von diesem Tag an lief sie bei einem Gewitter weiterhin ins Haus. Sie blieb weg von hohen, einzelnen Bäumen, freien Wiesen und Wasser. Doch sie versteckte sich nicht mehr unter ihrer Decke.
Stattdessen setzte sie sich an einen sicheren Platz, sah den Blitzen aus der Ferne zu und zählte manchmal langsam die Sekunden bis zum Donner.
Und wenn ein besonders kräftiges RUMMMMMS über den Himmel rollte, stellte sie sich vor, wie Donnerling im Wolkenwald auf eine dicke Wolke sprang und dabei fröhlich rief:
„Keine Sorge, Alexandra! Wir passen gut auf den Himmel auf!“
Dann hielt Alexandra ihr Mutlicht in der Hand und antwortete lächelnd:
„Ich weiß, Donnerling. Und ich passe gut auf mich auf.“









